Mit Aufmerksamkeit die Felder des Lebens beackern

29. Januar 2020

„Aufmerksamkeit, mein Sohn, ist, was ich dir empfehle; bei dem, wobei du bist, zu sein mit ganzer Seele.“ Das empfahl der deutscher Schriftsteller Friedrich Rückert schon im 19. Jahrhundert seinem Sohn. (1) In der Tat entscheidet die Aufmerksamkeit oder auch „Präsenz“ über die tatsächliche Wahrnehmung des Gegenübers, eines Inhaltes oder einer höheren Ebene im Gespräch.

In seinem bekannten Buch „Theorie U – Von der Zukunft her führen“ erklärt C. Otto Scharmer das „Presencing“ als soziale Technik.(2)
Das erforschen der Aufmerksamkeit ist ein Aspekt dieser neuen sozialen Technik. Dabei sieht Scharmer die Aufmerksamkeit als „das Verhältnis zwischen Beobachter und Beobachtetem“. Über die Qualität der Aufmerksamkeit schriebt er: „In dem Ausmaß, in dem es uns gelingt, unsere Aufmerksamkeitsstruktur und ihre Quelle zu sehen, können wir das System verändern.“(3)

Eine Analyse der Strukturen unserer Aufmerksamkeit verdeutlicht die Wahrnehmung von Inhalten und Strukturen.
Er nennt vier „Ebenen“ die über die Qualität der Aufmerksamkeit entscheiden:
• „Ich-in-mir“
• „Ich-im-Es“
• „Ich-im-Du“
• „Ich-im-Sein“(4)

Die „Ich-in-mir“-Perspektive spiegelt das, was der Mensch wahrnimmt. Sie basiert auf seinen gewöhnlichen Denk- und Sehgewohnheiten.
Dies ist der „Ort“ der Gewohnheit. Am Beispiel des Zuhörens erklärt Scharmer es mit dem einfachen „Runterladen“. Der Zuhörer will nur seine Denkgewohnheiten als bestätigt sehen. (5)

Die „Ich-im-Es“-Ansicht sieht ein Mensch, wenn er „neu“ hinsieht, also wenn seine Sinne und sein Denken weit geöffnet sind.
Hier ist er am Ort des offenen Denkens oder „objektfokussierten Zuhörens“. Dieses Zuhören begutachtet die neuen Fakten. Es ermöglicht die Wahrnehmung der Unterschiede zu dem, was der Betrachter schon kennt.
Hierdurch gewinnt er neue Erkenntnisse. Scharmer sieht diese Art des Zuhörens als Basis guter Wissenschaft.

Der „Ich-im-Du“-Anblick kommt zustande, wenn der Mensch mit dem Herzen sieht. Er betrachtet die Situation dann aus der Perspektive des anderen. Er versetzt sich in den anderen rein. Dieser Ort nennt sich der Ort des offenen Fühlens. Scharmer sieht hier einen „empathischen Zuhörer“, dessen Wahrnehmung sich auf den Blickwinkel des anderen verschiebt. Das unterscheidet diesen Ort von den beiden ersten Ich-bezogenen Perspektiven. (6)

Der letzte Blickwinkel heißt „Ich-im-Sein“. Hier sieht der Mensch vom Grund des Seienden her. Er versteht, dass dies der gesteigerte Zustand der Aufmerksamkeit ist. Jeder nimmt sein Gegenüber wahr und bringt ihm Empathie entgegen.
Der Mensch öffnet sich auch für die Intuition. Er nimmt nicht nur „den Anderen“ wahr, sondern auch „das Andere“. Scharmer bezeichnet diesen Zustand als das „schöpferische Zuhören“. (7) Ein Mensch, der sich darauf einlässt und ist offen für Veränderung.

vier Arten der Aufmerksamkeit haben ihre Berechtigung, denn wir brauchen jede Einzelne. „Jedes Handeln einer Person, einer Leitungskraft, einer Gruppe, einer Organisation oder einer Gemeinschaft kann auf diese vier Weisen hervorgebracht werden“. (8)

Nachteilig ist die Einseitigkeit, wenn wir uns auf lediglich eine Form versteifen. Dies führt zu eine eingeengten Aufmerksamkeit, die unseren Blick für das Wesentliche langfristig trübt.


(1) Gefunden am 30.11.2018 auf https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_friedrich_rueckert_1197.html
(2) Vgl. Scharmer, C. O.: Theorie U – Von der Zukunft her führen. Carl-Auer Verlag GmbH, Heidelberg. 4. Auflage, 2015. Seite 26 ff.
(3) Ebenda. Seite 38.
(4) Bei Scharmer wird ab Seite 38 die vierte Ebene als „Ich-in-Gegenwärtigung“ bezeichnet.
(5) Vgl. ebenda. Seite 39.
(6) Vgl. Scharmer, C. O.: Theorie U – Von der Zukunft her führen. Carl-Auer Verlag GmbH, Heidelberg. 4. Auflage, 2015. Seite 40.
(7) In seinem Buch definiert C. O. Scharmer diese vierte Ebene im Wesentlichen detaillierter und förmlicher, als ich es hier in der Anlehnung an seine Ausführungen in abgewandelter Form darstelle. Seine Gedanken zu der „Ich-im-Sein“-Ebene lesen Sie ab Seite 40 ff.“
(8) Ebenda. Seite 39.

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