„Zerreißen soll’s di!“ – warum wir „Gesundheit“ wünschen

19. November 2020

„Hatschi!“ – „Gesundheit!“ – „Danke!“ – so oder so ähnlich hört es sich wohl in der Regel an, wenn jemand hierzulande niest. Doch woher stammt der sprachliche Brauch „Gesundheit“ zu wünschen und ist dieser noch zeitgemäß?

Beginnen wir zunächst mit dem physiologischen Ablauf des Niesens: Ein Niesreiz löst das schlagartige Zusammenziehen der Ausatmungsmuskeln und damit den Ausstoß von Nasensekret sowie von Staub und Fremdkörpern durch die Nase und/oder den Mund aus. Aufgrund der Vielzahl und hohen Geschwindigkeit (über 160 km/h) der ausgestoßenen Tröpfchen kann eine Infektion von Außenstehenden erst ab einem Abstand von sechs Metern ausgeschlossen werden. Kein Wunder also, dass wir einander „Gesundheit“ wünschen – oder?

Der Brauch dieses Wunsches hat viele verschiedene, voneinander unabhängige Wurzeln und einige Herkunftstheorien. Laut National Geographic ordnete Papst Gregor der Große während der ersten Pestwelle im 6. Jahrhundert an, dass jeder der nieste sofort gesegnet werden sollte, da das Niesen oft das erste Zeichen einer Pestinfektion war.[1] Bis zum Jahre 750 setzte sich dieses „Gott segne dich“ dann als Brauch bei vereinzeltem Niesen durch. [2] Dieser Ausdruck besteht bis heute im Englischen God bless you weiter.

Auch der Wunsch „Gesundheit!“ stammt wohl aus der Zeit der Pest beziehungsweise dem damit verbundenen Aberglauben, den Niesenden so vor dem Ausbruch der drohenden Krankheit zu schützen.
Obwohl im heutigen Zeitalter der Aufklärung für gewöhnlich alte Aberglauben abgelegt werden, bestehen folglich die Erwartung und der Brauch weiter, aus Höflichkeit und in Reminiszenz an Vorgenanntes eine Spruchformel aufzusagen. Neben dem deutschen „Gesundheit“ und dem englischen „God bless you“ besteht noch eine Vielzahl weiterer Wunschformeln in anderen Sprachen und Kulturkreisen. Ein kleiner Überblick:

In Österreich sagen die Menschen traditionellerweise „Helf dir Gott!“ oder scherzhaft auch „Zerreißen soll’s dich (in lauter Tausender)!“. In Spanien beschwören sie für gewöhnlich Jesús, was mit dem Aberglauben, die Seele könne womöglich beim Niesen den Körper verlassen, verbunden ist. In Tschechien wird gar Na zdraví gewünscht, was zwar auf die Gesundheit, aber auch Prost bedeutet. In China hingegen ist der Zuruf 有人在想你 (yǒurénzàixiǎngnǐ) verbreitet, was so viel heißt wie Jemand denkt an dich. Dies leitet sich aus dem Aberglauben ab, jemand spreche zum Zeitpunkt des Niesens an anderem Ort über die niesende Person. Es lässt sich erkennen, dass neben abergläubischen Bräuchen auch durchaus humorvolle, teils abstruse Phrasen aufgesagt werden.

Nun dazu wie ein jeder sich verhalten sollte, wenn er – oder ein anderer Anwesender – niest. Der Niesende soll – falls er jemanden erschreckt oder eine vorherrschende Stille unterbrochen hat – um Entschuldigung bitten. Wer mag, der kann die altbekannte Formel „Gesundheit“ aufsagen, sofern dies ernst und gut gemeint ist. Jedoch ist der Ausdruck “Gesundheit” ein unvollständiger Stümmelsatz, dem Subjekt und Prädikat fehlen. Um diesen Wunsch nicht ins Floskelhafte entgleiten zu lassen, bewährt es sich, einen vollständigen Satz zu formen, beispielsweise “Ich wünsche dir Gesundheit”.

Verwenden wir solche Ausdrücke als Floskeln und ohne das, was wir da sagen auch so zu meinen, sollten wir es lieber lassen. Denn dann verlieren sie ihre Bedeutung und Wirkung.


[1] Patrick, B. K. (2009). An Uncommon History of Common Things. Washington, D.C.: National Geographic Society, S. 74.

[2]Whiting, B. J. (1978). Early American Proverbs and Proverbial Phrases. Cambridge: Harvard University Press, S. 178.

Erstveröffentlichung und Copyright (c) 2020, Astrid Weidner.
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