Die Corona-Chroniken, Zweiter Teil: Shopping in Corona-Zeiten

4. Mai 2020

Neben den Online-Konferenzen bieten auch alltägliche Dinge neue Herausforderungen in Corona-Zeiten. Der Einkauf im Supermarkt ist für sehbehinderte und blinde Menschen auch anders geworden!

Ich bog um die Ecke in den Gang, in dem das Klopapier üblicherweise im Laden steht, und blieb wie angewurzelt stehen. Meine Schritte hallten. Der Gang hörte sich größer an als gewohnt. Die Regale waren also tatsächlich leer. In einem kurzen Moment des Übermuts ging ich auf die leeren Regale zu, um mir „anzuschauen“, wie diese Regale aufgebaut sind. Doch dann fiel mir schlagartig ein: Ich darf nichts anfassen. Na großartig! Somit war nicht nur der Sehsinn – wie immer – ausgeschaltet, sondern auch mein Tastsinn war beim Einkaufen in der Corona-Zeit nicht einsetzbar.

Gut, ich weiß seit diesem Erlebnis zu Beginn der Corona-Zeit, dass ein Laden mit leeren Regalen anders klingt. Doch sonst bringt Corona für uns sehbehinderte und blinde Menschen einige Nachteile beim Einkaufen. Ich spüre zwar noch durch die Temperaturunterschiede, in welcher Abteilung ich gerade bin, doch das Anfassverbot kann ich nicht kompensieren.

Das ist eine echte Ausgrenzung für uns. Wir brauchen jetzt für alles die Beschreibung der Sehenden. Ich bin nicht mehr in der Lage selbst ein Produkt aus dem Regal zu nehmen – punktgenaues Hinfassen, so wie sehende Menschen es tun, gibt es bei mir nicht. Ich fasse alles mindestens zweimal an – das gilt übrigens nicht nur beim Einkaufen, sondern auch bei jeder anderen Verrichtung, beim Umgang mit dem Smartphone oder sonstigen Geräten. Das erste Anfassen dient immer dem reinen Informationsgewinn. Erst das zweite Anfassen ist die Aktivität – rausnehmen, Verpackung auf Schäden abtasten, in den Einkaufswagen legen, weiterlaufen.

Zwar ist das Corona-Ära-Einkaufen etwas leiser und somit angenehmer als früher, doch da sich nun weniger Kunden im Laden tummeln, habe ich weniger Ansprechpartner für die Anfrage, welche Joghurtsorte wo steht oder ob das die richtige Müslisorte ist. Der kurze Dienstweg, der noch nie leicht war, geht also durch den 1,5 Meter Abstand auch nicht mehr. Die Hürden sind jetzt noch höher.
Auch klingt das Gesprochene durch die Maske abgedämpft. Ich denke an die Sehenden, die keine Gestik und Mimik mehr sehen und nun mehr auf das Zusammenreimen von genuschelten Wortfetzen angewiesen sind. Auch fühle ich mit den Gehörlosen, die nun auf wichtige Teile ihrer Gebärden verzichten müssen und keine Lippen mehr lesen können.

Die Maske schwächt zudem den Geruchssinn. Zwar rieche ich noch, ob ich beim Obst, Käse oder bei den Putzmitteln stehe, aber die feinen Nuancen – stehe ich vor den Äpfeln oder den Orangen – nehme ich nicht mehr so differenziert wahr wie früher. Die Orientierung im Laden wird dadurch mühsamer.
Das Anstehen in der Kassenschlange mit sozialverträglicher Distanz ist auch eine Herausforderung, da ich nicht ausreichend gut einschätzen kann, wie nah ich meinem Nächsten gekommen bin. Ich spüre vielleicht das „etwas“ vor mir steht, aber bis sich das „etwas“ räuspert oder hörbar bewegt, könnte es auch nur ein Verkaufsdisplay oder Warenständer sein.

Kurzum: Einkaufen macht kaum noch Spaß und meine Selbständigkeit verschwindet irgendwo zwischen Masken, Abstand und „Bitte nichts anfassen!“ Zum Glück gibt es hilfsbereite Mitarbeiter, die mich unterstützen. Auch kann ich meinen Mann und unsere Kinder in die Läden schicken und von zuhause aus online shoppen… wobei die meisten Online-Shops auch nur stark eingeschränkt bedienbar sind.

Doch positiv eingestellt, wie ich bin, freue ich mich über die Lerneffekte und die neuen Eindrücken. Wer weiß, was ich durch Corona noch alles erfahren darf!

Ein Tisch mit Obst in einer Etagere und Gemüse in einer Schale sowie einem rosa und lila Blumenstraße

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