Blogserie „Führen mit Hirn“ 4/6: Interpersonelle Synchronisierung

18. Februar 2021

Wirkfaktor Interpersonelle Synchronisierung

In der Psychotherapie und verwandten Kontexten sind Präsenz und deren heilsame Wirkung auf das Gegenüber von hoher Relevanz für zwischenmenschliche Verbundenheit.[1] In intensiven Momenten des Aufeinandertreffens scheinen sich psycho-physiologische Prozesse bei den Beteiligten zu synchronisieren. Das bedeutet, diese Prozesse werden zunehmend aufeinander abgestimmt und laufen zusehends nach gleichen Mustern ab.

Spezielle Untersuchungsmethoden haben ergeben, dass sich beim Hören einer Geschichte in weiten Teilen der Gehirne der Zuhörer Aktivierungsmuster miteinander synchronisieren. Dieses als neuronale Koppelung bezeichnete Phänomen trat auch dann auf, wenn ein Mensch einem anderen eine Geschichte erzählte. Interessant ist hierbei, dass der Zuhörer bei einer stärkeren neuronalen Koppelung die Geschichte besser verstehen konnte. Durch die Förderung gemeinsamer Sprache und gegenseitiger Selbstöffnung wirkt sich die neuronale Koppelung somit positiv auf die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Menschen aus.

Was bedeutet das für den Führungsalltag?

Mir scheint diese Verbundenheit das Geheimnis vieler starker, zusammenhaltender Teams zu sein.

Ein Weg zu dieser Verbundenheit ist das Hören. Der Philosoph Lorenz Oken sagte hierzu einmal „Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr führt die Welt in den Menschen ein.“ Wichtig ist also ein aufnehmendes Hören. Richtig hören können wir dann, wenn das Gesagte des Anderen Bilder in uns erstehen lässt.

Ich lege Ihnen die Verinnerlichung eines aufmerksamen und offenen Zuhörens ans Herz. Schließlich schrieb Gerald Hüter einmal sinngemäß, dass Kinder gesehen werden wollen. Meiner Meinung nach wollen sie vor allem gehört werden, wobei dies für Erwachsene genauso gilt wie für Kinder.

Eine weitere passender Erfahrung meinerseits: Ich höre viele deutsche und auch englische Hörbücher. Nun hatte ich Zugang zu einer amerikanischen Blindenhörbücherei mit einer Vielzahl von Titeln. Voller Begeisterung machte ich mich ans Werk, in der Annahme, dort zu all den Büchern meiner Träume Zugang zu haben. Meine Enttäuschung war groß, als ich entdeckte, dass alle Bücher mit einer synthetischen Sprachausgabe produziert waren. Wir Blinden sind Profis im Umgang mit synthetischen Sprachausgaben – ich höre mit meiner in mindestens fünffacher Sprechgeschwindigkeit und verarbeite geschriebene Texte auf der Ebene des Verstehens zu über 99% mit der Sprachsynthese. Im Arbeitsalltag sowie in meiner Freizeit nutze ich Sprachsynthese häufig und erfolgreich, beispielsweise für Pushnachrichten am Handy, Mail-Bearbeitung, soziale Medien, Fachliteratur und Internetrecherche. Dem entgegen benutze ich die Braillezeile unter anderem dann verstärkt, wenn ich Texte bearbeite und Zahlen genau lesen will.

Doch in dieser Situation merkte ich, dass ich die Literatur in synthetischer Sprachausgabe nicht in mich aufnehmen konnte. Meine Sprachkenntnisse ließen mich früher im Stich als gewohnt und auch Freude und inneres Mitgehen mit dem Gehörten stellten sich nicht ein.

Der Erzähler baut die Bilder im Gehirn zu einem anderen Zeitpunkt auf als ich beim Hören. Diese zeitliche Verschiebung ist mir bewusst und dennoch frage ich mich: fehlte mir die Synchronisierung?


[1] Diese gesamte Blogreihe steht in engem Bezug zu dem in „PERSON. Internationale Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung“ veröffentlichten Fachbeitrag „Wirkfaktoren personzentrierter Beziehungsgestaltung aus neurowissenschaftlicher Sicht“ des Psychologen Dipl. Psych. Michael Lux. Mehr hierzu in Teil 1 dieser Blogreihe.

Den kostenpflichtigen Beitrag finden Sie unter dem Link https://www.researchgate.net/publication/343382337_Wirkfaktoren_personzentrierter_Beziehungsgestaltung_aus_neurowissenschaftlicher_Sicht.

Erstveröffentlichung und Copyright (c) 2021, Astrid Weidner.
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