Blogserie „Führen mit Hirn“ 6/6: Dialogische Exploration

25. Februar 2021

Wirkfaktor Dialogische Exploration des Erlebens

Psychologischer Kontakt, Authentizität, bedingungsfreie ausdrückliche Beachtung und empathisches Verstehen und Vertrauen in die Selbstveränderungsfähigkeit der Mitarbeiter durch eine als hilfreich erfahrene Beziehung zur Führungskraft; dies zeichnet personzentrierte Beziehungsgestaltung aus.[1]

Sie ermöglicht unter anderem auch eine Förderung der Selbsterkundung und der Kongruenz. Hier spielt der Informationsaustausch zwischen den beiden Gehirnhälften, der rechten und linken Hemisphäre, eine bedeutende Rolle. Beide Hemisphären wirken in nahezu jeder komplexen Funktion wie Empathie, Gefühl, Sprache und Fantasie zusammen – sie unterscheiden sich darin, auf welche Art und Weise sie sich mit einer Funktion beschäftigen:

Die rechte Hemisphäre kann mehrere Dinge parallel verarbeiten und bietet so einen Zugang zur vernetzten Komplexität der Wirklichkeit. Auf diese Weise kann sie mit Mehrdeutigkeiten und Unklarheiten umgehen. Die rechte Hemisphäre ist darüber hinaus wichtig für Kreativität und dient als „Anomaliedetektor“, indem sie uns darüber informiert, dass unsere Gedanken nicht stimmen. Ist dieser Detektor in irgendeiner Form beeinträchtigt, äußert sich das beispielsweise darin, dass eigene Schlussfolgerungen den „gesunden Menschenverstand“ ignorieren.

Die linke Hemisphäre hingegen hat einen fokussierten Aufmerksamkeitsmodus, d.h. er ist auf einen bestimmten Aspekt des Erlebens und auf Eindeutigkeit ausgerichtet, wobei es nur richtig oder falsch gibt. Die linke Hemisphäre integriert die vielen gleichzeitigen Gehirnprozesse zu einer stimmigen Geschichte, wählt hierzu allerdings auch Informationen aus, die zur Geschichte passen und erfindet zur Not auch Erklärungen. Bei Menschen mit geringer seelischer Gesundheit dominiert die linke Hemisphäre das Denken, wohingegen beim Idealtyp des Personzentrierten Ansatzes wohl ein optimaler Informationsaustausch zwischen den Hemisphären stattfinden kann.  

Um dies zu erreichen, könnte einfühlendes Verstehen helfen – nicht zuletzt, um die seelische Gesundheit des Gegenübers zu fördern.

Ein passendes Zitat des Begründers des personzentrierten Ansatzes, Carl R. Rogers, und so im Vorwort eines Werkes meiner geschätzten Kollegin Dorothea Kunze-Pletat[2]:

„Lernen als ganze Person

Die Ausbildung und Pädagogik hat das Lernen bisher immer als etwas betrachtet, das der linken Gehirnhälfte zuzuordnen ist. Die linke Hemisphäre arbeitet logisch und linear. […]. Aber damit beim Lernen der ganze Mensch zur Geltung kommt, muss auch die rechte Gehirnhälfte aktiviert werden, die ganz anders arbeitet. Sie ist intuitiv, […] arbeitet mit Metaphern und ist eher ästhetisch als logisch. Sie macht kreative Sprünge. […]

Das signifikante Lernen verbindet
das Logische mit dem Intuitiven,
den Intellekt mit dem Gefühl,
die Vorstellung mit der Erfahrung.
Wenn wir so lernen, sind wir ganz beteiligt.“ [3]

Was bedeutet das für den Führungsalltag?

Die Schwierigkeit hier ist also die Einseitigkeit, die durch die beobachtete Dominanz einer Hemisphäre entsteht. Da Einseitigkeit vor allem auf Führungsebene ein erhebliches Risiko birgt, kann ein Perspektiv- oder Ebenenwechsel unter Berücksichtigung von Fakten, Gefühlen und Bedürfnissen helfen. So spannen wir den weiten Bogen zur Polarität und ermöglichen deren Integration. Dabei kann besonders der Basiskompass der Resilienz helfen. Er integriert die verschiedenen Ebenen unserer Persönlichkeit – Körper, Gefühl, Verstand und Seele – und dient auf diese Weise einer differenzierten Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung bzw. Analyse der Situation.

Lesen Sie bei weitergehendem Interesse auch meinen Blogbeitrag „Resilienz mit innerer Stärke souverän handeln“.


[1] Diese gesamte Blogreihe steht in engem Bezug zu dem in „PERSON. Internationale Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung“ veröffentlichten Fachbeitrag „Wirkfaktoren personzentrierter Beziehungsgestaltung aus neurowissenschaftlicher Sicht“ des Psychologen Dipl. Psych. Michael Lux. Mehr hierzu in Teil 1 dieser Blogreihe.

Den kostenpflichtigen Beitrag finden Sie unter dem Link https://www.researchgate.net/publication/343382337_Wirkfaktoren_personzentrierter_Beziehungsgestaltung_aus_neurowissenschaftlicher_Sicht.

[2] Kunze-Pletat, Dorothea. 2019. Personzentrierte Erwachsenenpädagogik. Die pädagogische Beziehung als Mittelpunkt im Lehr-Lern-Prozess. Wiesbaden: Springer. Vorwort.

[3] Rogers Carl R. 1984. Freiheit und Engagement – Personzentriertes Lehren und Lernen. München: Kösel. S. 23. Original: 1983. Freedom to learn for the 80‘s. Completely revised edition of: Rogers, 1969, Freedom to learn. A view of what education might become.

Erstveröffentlichung und Copyright (c) 2021, Astrid Weidner.
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