Die Corona-Chroniken IV: „Social“ oder „physical“ Distancing:?

7. Juli 2020

Der Begriff „social distancing“ irritiert mich. Den physischen Abstand zur Eindämmung dieses kleinen Virus halte ich gerne ein, jedoch impliziert „social distancing“, dass ich von jeglicher virtuellen Form des zwischenmenschlichen Kontakts Abstand nehmen soll. Dies mag im ersten Moment wie Wortklauberei klingen, denn darin kann nicht der Kern der Aussage bestehen.

Schon Goethe erkannte: „Jedem Worte klingt der Ursprung nach“. Das bedeutet, mit der Zeit wird selbst für den aufmerksamen Bürger unbewusst der Eindruck entstehen, es sei nicht nur physischer, sondern auch psychischer Abstand zu den Mitbürgern geboten. Dies könnte darin resultieren, dass wir unwillkürlich unser Handeln danach orientieren. Hier ist also präzise Wortwahl gefragt.

Zum dritten Mal an diesem Tag halte ich eine Onlinekonferenz ab und werde gleich in einer Pause eine Freundin anrufen. Dies widerspricht der wörtlichen Bedeutung des „social distancing“ und doch bin ich mir sicher, dass meine Gesprächspartner und ich hier kein Infektionsrisiko eingehen. Denn es wäre mir neu, dass sich dieses Virus über Telefon- und Internetleitungen verbreitet. Bisher scheint es nur die Mitmenschen in unserer unmittelbaren Nähe über Tröpfchen und Aerosole zu erreichen.
Es ist also vielmehr „physical distancing“ als „social distancing“ angebracht, das heißt: ich halte in Supermarkt oder Bahn körperlichen Abstand zu meinen Mitmenschen und versuche überhaupt so wenigen Menschen wie möglich nahe zu sein. Wobei soziale Nähe eben auch jenseits der physischen Nähe möglich ist. Ich erlebe, wie die Wahl zwischen Treffen „vor Ort“ und einem Telefongespräch, Textkonversationen oder Videokonferenzen inzwischen meistens zugunsten virtueller Zusammenkünfte ausfällt. Diese sind eine gute Zwischenlösung, auch wenn sie zwischenmenschliche Nähe nur begrenzt ersetzen.

Allerdings gibt es auch Schattenseiten dieser virtuellen Form des Zusammentreffens. Es fordert mir ungemein höhere Konzentration als in einem „echten“ Raum ab, Stimmen auseinanderzuhalten und den Überblick zu behalten. Unter diesen Umständen bereitet es mir einfach nicht so viel Freude, mich mit Freunden zu „treffen“.
Zweitens bleibt in mir das dumpfe Gefühl, dass es langfristig bei dem einen oder anderen zu sozialer Abschottung führen wird. Online ist es schließlich für viele etwas anderes als im „realen“ Leben, neue Bekanntschaften und Freundschaften zu schließen. Denken Sie daran, was das für Bevölkerungsgruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Behinderung bedeutet. Womöglich fehlte schon vor der Krise der soziale Anschluss. Die Gefahr ist höher, dass sich dies nun noch verstärkt.

Soziale Ausgrenzung und Einsamkeit können die Folge sein.

Und dennoch ist möglicherweise ein Umdenken im Gange, nach dem wir Freundschaften nicht mehr über physische Nähe, sondern über regelmäßigen Kontakt definieren – egal in welcher Form. Ein einfaches „Wie geht’s dir eigentlich?“ nach langer Funkstille kann schon Gold wert sein und uns ein Gefühl der Zuwendung vermitteln.

Ein Tipp: Vom Thema Freundschaften während der Corona-Krise berichtet auch Prof. Dr. Marina Münkler Interessantes in Episode 19 des Podcast „Steingarts Morning Briefing“.

Nichtsdestoweniger stellt sich mir die Frage, ob die oben genannten Problematiken durch eine präzise Wortwahl (beispielsweise physical distancing) abgeschwächt würden oder sogar vermeidbar wären.

Immerhin wäre damit eindeutig, dass mir vereinzelte freundschaftliche oder verwandtschaftliche Treffen und explizit auch Onlinekonferenzen rechtlich und moralisch erlaubt wären. Und langfristig setzte sich in unserem Unterbewusstsein und somit in unseren Handlungsentscheidungen nicht die wörtliche Bedeutung des Begriffs „social distancing“ durch.

Jedenfalls scheint vorgenannter Begriff hier fehlleitend. Lassen Sie uns deshalb gut auf unsere Wortwahl achten.

Bighorn-Schafe auf einer herbstlichen Weide

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