Erstgespräch

#55 Meine Zeit, Dein Geschenk?

Eine sprachliche Gratwanderung 


„Heute schenke ich Dir meine Zeit.“

Dieser Satz klingt im ersten Moment charmant. Beim Schenken übergibt jemand etwas mit Freude an eine andere Person. Es kommt zu einem Besitzerwechsel.1 2

Zeit ist eine abstrakte Ressource. Wir Menschen bewegen uns in ihr. Sie begleitet uns immer und überall. Zeit gehört allen gleichermaßen und lässt sich daher weder übergeben noch zurücklassen. Gemeinsam und nicht nur nebeneinander verbracht ist sie ein Miteinander.

Ein häufiger Ausdruck in ehrenamtlichen Organisationen ist: „Wir schenken Zeit.“ Dabei liegt der Fokus auf dem Engagement für andere. Dieser Kern wird durch den Ausdruck des Zeit Schenkens unbewusst verzerrt: Er reduziert den freiwilligen Dienst auf die zeitliche Komponente und entwertet das eigentliche Anliegen. Dabei entsteht ungewollt der Eindruck, die eigene Zeit sei wertvoller als die des anderen.

Tipp: Zeit lässt sich nicht schenken.

Teilen Sie gemeinsame Momente und schenken Sie Ihrem Gegenüber Zuwendung und Aufmerksamkeit- auch sprachlich. Verzichten Sie auf die Floskel Zeit schenken.

Alternative Formulierungen

„Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit.“

„Diesen Nachmittag werden wir zusammen verbringen.“

Lassen Sie die gesprochene Sprache wie Musik in Ihren Ohren klingen!


1 Vgl. schenken in Das Herkunftswörterbuch: Etymologie der deutschen Sprache. Dudenredaktion. Bibliographisches Institut GmbH, 2015

2 s. auch Sprachtipp #29 Schenken

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